Ich habe einen Bekannten, U., der sich jedes mal, wenn er mich bei immer ausgesuchteren Gelegenheiten trifft, darüber beschwert, ich würde ihm die ganze Zeit nur vorjammern, wie schlecht es mir geht, wie gestresst ich bin, dass der Job nervt, dass die Kunden nerven, dass mein Kopf nervt, ich meine: schmerzt, dass meine Verdauung rebelliert, und so weiter, die Liste lässt sich nach Belieben fortsetzen - zumindest nach Meinung von U., meinem Bekannten!
Natürlich ist nichts davon wahr! Die Wahrheit könnte kaum weiter davon entfernt sein! Absolut lächerlich! Reine Unterstellung! Ha!
Na gut, zugegeben, das mit meiner Verdauung, also, da ist ja schon irgendwie was dran, hin und wieder zumindest, und Kopfschmerzen, nun ja, wer hat die nicht, man muss ja einfach Kopfschmerzen kriegen, wenn man sich ständig mit nervigen, stressigen Kunden herum plagen muss, aber mein Job, der nervt nun wirklich nicht, ich mache meinen Job ausgesprochen gerne!
Nun gut, natürlich auch nicht immer, klar, wer tut das schon, es gibt so Tage, da hasst man seinen Job einfach, an Montagen zum Beispiel, Oder Dienstage. Mittwoche, Donnerstage, Freitage. Najaaa gut, an Samstagen und Sonntagen, also da nervt mein Job definitiv nicht, aber was kann ich dafür, dass U. mich immer nur an allen anderen Tagen trifft!
Außerdem jammere ich ihm nicht einfach was vor, auch das ist reine Unterstellung!
Folgendermaßen läuft das ab: Er stellt mir jedes Mal, kaum dass ich ihm irgendwo verabredet oder auch überraschend über den weg laufe, diese immer wieder gleiche, immer wieder lästige Frage „Und, wie geht‘s?“ Eine einfach schreckliche Frage, denn sie nötigt einen zur Selbstbetrachtung, zur Reflektion, in Momenten, wo diese eher unwillkommen ist, denn wer will sich schon ständig selbst reflektieren, wenn man eigentlich nur mit ein paar Kumpels einige oder etliche Biere trinken will, die man, wenn es genau bedenkt, eigentlich lieber nicht trinken sollte, der allgemein schlechten Gesundheit wegen, an die man ärgerlicherweise gerade erinnert wird. Reicht es nicht, wenn ich mich am nächsten Morgen im Spiegel betrachten muss und mir diese blöde Frage dann selber stelle?
Ist das nicht mehr als genug Selbstreflexion?
Und dann sind da ja auch noch all die kleinen Wehwehchen und Unwohlwohlseinheiten, die den ganzen Tag über an die Oberfläche meines Seins steigen und Aufmerksamkeit beanspruchen wie ein quengeliges Kind, das solange herumnölt, bis ihm irgend ein Erwachsener eine klebt, und das Kind glücklich ist (oder meiner Meinung nach gefälligst sein sollte!), weil ihm endlich jemand Beachtung schenkt.
Mein Körper ist auch so ein quengelndes Kind, ständig verlangt er von mir, dass ich ihn beachte, „He, kuck doch mal, was ich mache, schau doch mal, hier, schau doch endlich mal, was ich mit deinem Dickdarm mache!“, und wenn ich mich weigere, ihn zur Kenntnis zu nehmen, randaliert er so lange, bis ich ihn mit Zuwendung, Magentropfen, Kopfschmerztabletten, Arztbesuchen oder wenigstens mit Alkohol ruhig stelle.
Mein Körper und ich, wir haben wohl die übliche kranke Beziehung zueinander, die in dieser Fit- und Funness-Gesellschaft wohl die meisten unsportlichen Leute zu ihren Körpern haben: wir können uns nicht leiden, würden uns gerne gegenseitig ignorieren, und sind nicht dazu in der Lage, weswegen wir das nächstbeste tun, das nach gegenseitigem Ignorieren kommt: wir machen uns gegenseitig das Leben schwer! (weiterlesen…)

